Missionsschwestern vom Kostbaren Blut 1885 - 1939
- Sr. Annette Buschgerd cps
- 31. Dez. 2025
- 6 Min. Lesezeit
Artikel Nr. 9 Januar 2026
„Ohne Frauen geht es nicht,“ sagte Abt Franz Anno 1885, holte junge und nicht mehr so junge Frauen nach Mariannhill und stellte sie dem Bischof von Natal am Bahnhof von Pinetown als „meine Helferinnen“ vor.
Deutsche Frauen bei „Schweigenden Mönchen“ in Südafrika! „Ich habe Revolution gemacht,“ erklärte er seiner rechten Hand, Sr. Paula, „und sie sind eine Tochter der Revolution“ (2. 12. 1902).
In diesem Artikel soll das Neue und Ungewöhnliche an der Entstehungsgeschichte der Missionsschwestern vom Kostbaren Blut beschrieben werden.

Die Zulus nannten die Helferinnen des Abtes „Rote Schwestern“ aufgrund ihrer farbenfrohen Tracht, die er in Nachahmung der Kleidung, die Frauen in Vorarlberg trugen, eigens für sie entworfen hatte. Rot sollte sie an das Kostbare Blut Jesu erinnern, welches es „fruchtbar zu machen galt“ (Kloster Chronik); es würde die farbenfrohe Zulu-Jugend anziehen und, nicht zuletzt, die Helferinnen von den dunkelgekleideten Ehefrauen der lutherischen Pastöre im nahen New Germany unterscheiden, noch ehe jemand auf den Gedanken kam, auch sie seien die Frauen der Trappisten. Als Propaganda Fide später den roten Habit verbot, protestierte der suspendierte Stifter in Emaus: „Schließlich harmonisiert Rot mit dem Geist ihrer Regel, denn ich wollte ja keine Karthäuserinnen oder Trappistinnen gründen, absolut keinen Büßerorden, sondern eine Missions-kongregation“ (10. Sept. 1908).
„Unser Missionsgebiet ist das Reich Gottes, und das hat keine Grenzen“ sagte der unerschrockene Vorkämpfer (Josefsblättchen Nr. 1, 1889), und man darf ergänzen, dass auch seine Phantasie keine Grenzen kannte, wo es galt, den Missionsauftrag Christi zu erfüllen. Aber wie eine „Missionskongregation“ für Frauen aussehen könnte, darüber machte er sich nicht allzu viele Gedanken. Vorerst würden seine Helferinnen einfach die Trappisten auf den Missionsstationen unterstützen, um sie später zu ersetzen, damit die Mönche zum geregelten Leben im Kloster zurückkehren konnten.
Wichtig war ihm vor allem, dass seine Helferinnen sich ganz den Menschen widmeten, die Christus noch nicht kannten. „Ihr Schwestern seid bloß für die Mission hierhergekommen; ihr sollt ganz ausschließlich für sie da sein“ (9. Okt.1887).
Was Abt Franz vorschwebte, war kein Arbeitsorden, wie ihm manchmal unterstellt wird, sondern „Schwestern, die mir durch dick und dünn gehen. Sie dürfen nicht bloß Schule halten, sondern müssen auch tüchtig mit den Kindern auf den Feldern arbeiten“ (24.11.1903, an Propaganda). Zu erklären, was Arbeit war oder diese beaufsichtigen, war ihm nicht genug; denn die Leute brauchten das vorgelebte Beispiel, um sich vom Vorteil rationellen Arbeitens zu überzeugen. Warum? Weil Arbeit mit eigenen Händen nach erprobter benediktinischer Überzeugung neben dem Gebet der wichtigste Pfeiler zum Aufbau einer bodenständigen Kirche war. Das war damals neu für Frauen im kirchlichen Dienst.
Vielleicht wäre aus der Frauengemeinschaft in Mariannhill so etwas wie ein Säkularinstitut nach späterem Muster geworden, aber die Uhren der Kirche liefen nicht so schnell, und der Herr selbst verfolgte offensichtlich andere Pläne. Denn bei aller Missionsbegeisterung – oder wegen ihr?! – fühlten die Helferinnen sich zur engeren Nachfolge Jesu berufen. Abt Franz: „Nun traten diese Jungfrauen mit dem Wunsche hervor, als geistliche Genossenschaft auftreten zu dürfen“ (ebd.). Als hätte er es geahnt, ging er sofort auf ihre Bitte ein, erlaubte ihnen statt ihrer Tracht einen roten Habit und „machte aus ihren bisherigen Verordnungen eine sog. Regel“, obwohl er, wie er in seinem Schreiben bemerkt, „von den vielen kirchlichen Bestimmungen für Frauen-Kongregationen absolut nichts wusste, bis mir voriges Jahr (1907) ein einschlägiges Buch von Arndt S.J. in die Hände fiel“. Nicht genug des „Revolutionären“, ließ er die Frauen 1887 in geheimer Wahl über eine Vorsteherin aus ihren eigenen Reihen entscheiden und ernannte Sr. Paula Emunds zur Noviziatsleiterin. Sie war 21 und die Vorsteherin, Sr. Theresia Moser, 22. Man hält inne und fragt sich, worüber man mehr staunen soll, sein unbändiges Gottvertrauen oder die Demut der Frauen, die sich auf diese Weise einspannen ließen.
Nicht zuletzt war es dem unbestechlichen Blick des Stifters für innere Größe zu verdanken, dass das Experiment „Rote Schwestern“ nicht ins Leere lief. Theresia Moser war das einzige Kind ihrer Eltern (die sich ebenfalls Mariannhill zur Verfügung stellten). Sie soll 1898, als Bischof Allgeyer von Sansibar um Rote Schwestern warb und vor dem Küstenfieber warnte, ausgerufen haben: „Malaria! Schnellzug zum Himmel!“ Sie kam nach Tanga und fiel ein halbes Jahr später der Seuche zum Opfer. (Ähnlich erging es Sr. Lecuniana Schweimer, die um die gleiche Zeit einer Tropenkrankheit im Kongo erlag.) Sr. Paula stammte aus dem kleinen Schleiden bei Aachen und reinigte soeben das Ofenrohr im Schwesternhaus zu Mariannhill, als Abt Franz sie rufen ließ. Er kannte sie nicht. Als eine von zwölf war sie ein Jahr vorher eingetreten mit nicht mehr als sechs Jahren Volksschule und einer Ausbildung als Hausdame im Gepäck. Aber er erkannte ihr Führungstalent auf den ersten Blick und bestimmte sie auch 1889 als Oberin und zugleich Ausbilderin im Probehaus der Gemeinschaft in Kirchherten/Deutschland. Sie enttäuschte ihn nicht. 1907 wurde sie einstimmig als Generaloberin gewählt und leitete die Kongregation 24 Jahre lang. Sie ist ihre Mitbegründerin.

Die Werbekampagnen des Stifters waren eben so originell wie er selbst. Ein besonders zugkräftiger Werbespruch war: „Kein Talent zu groß und keins zu gering, um am Reich Christi mitzuwirken“. Bauern- und Bürgerstöchter, Köchinnen und Näherinnen meldeten sich bei den Mariannhiller Vertretungen in Deutschland, Österreich und den USA, aber auch Pflegerinnen, Hausdamen und Lehrerinnen mit Berufserfahrung. Maria Treumund (Sr. Philippine) begann am Tag nach Maria Geburt 1885, dem Gründungstag der Kongregation, unter einem Baum in Mariannhill den Schulunterricht mit nur fünf Wörtern Zulu und gab etwas später ein erstes Zulu-Wörterbuch heraus. Andere ritten zu den Kranken in die Kraals oder errichteten, wie in Emaus, erste Gebäude aus Ziegeln, die sie selbst gebrannt hatten. Frauen wie diese hätte Abt Franz gern als Leiterinnen ihrer eigenen Missionsfarmen und -werkstätten gehabt. Warum nicht? 1904 suchte er Sr, Paula für seinen Plan zu gewinnen: „Wenn jetzt Frauen in zivilisierten Ländern Doktoren werden können, warum denn eine Rot. Schw. nicht Doktorin in Baukunst und Mechanik? Im sozialen Leben spielt die Frau eine große Rolle, warum nicht in der Mission? ‚Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?‘ [Mt. 14,31] Zwei Jahre später träumte er von einem „Missionärs-Tag“; Missionare sollten sich austauschen und Laienbrüder ebenfalls zu Wort kommen können. Und: „Warum Missionsschwestern nicht? Auch sie haben etwas zu bieten“ (Diktat, 1906).
Solange ihr Stifter am Ruder war, waren die Schwestern selbstverständlich Teil der Mariannhiller Familie, wie er in ihren „Richtlinien“ festgelegt hatte: „Sie verwenden alle ihre körperlichen und geistigen Kräfte für die Mission, und die Trappisten geben ihnen den vollen Lebensunterhalt in gesunden und kranken Tagen“. Folgerichtig wurden sie in der Ölenberger Chronik als die „Roten Trappistinnen“ geführt (im Unterschied zu den „weißen Trappistinnen“ in Ölenberg selbst) und 1889 in Kirchherten als Trappistinnen begrüßt. Diese Verschwisterung wurde ihnen 1893 zum Schicksal, denn nach der Amtsenthebung ihres Gründers gliederte sein Nachfolger, Abt Amandus Schölzig, ihre Gemeinschaft den Trappisten als 3. Orden an, um sie dem Orden als willkommene Arbeitskraft zu erhalten und ihre Zukunft zu sichern. Für die Verwaisten war das ein Rettungsring. Sie passten sich den monastischen Gewohnheiten an, sprachen die Tischgebete in Latein, übten Stillschweigen und, weil sie wenigstens fünfmal am Tag zum Chorgebet zusammenkamen, hatten sie auch weniger Arbeitsstunden. Nicht alle waren begeistert. Die Kritischeren unter ihnen sahen sowohl ihre missionarische Zielsetzung wie auch ihre Selbstständigkeit in Gefahr, konnten sich aber nur schwer durchsetzen. Dass die Gemeinschaft an dieser Identitätskrise (1893-1900) nicht zerbrach, sondern gestärkt aus ihr hervorging, verdankt sie an erster Stelle der ungebrochenen Treue Sr. Paulas zum Stifter, ihrem Mut und ihrer Tatkraft. Die Vermittlerrolle, die ihr zwischen den verschiedenen Vorgesetzten in Orden und Kirche und nicht zuletzt unter den eigenen Schwestern in Nord und Süd zufiel, war nicht beneidenswert.
Dem Stifter in seinem Exil in Emaus waren die Hände gebunden. Doch als sein 2. Nachfolger, Abt Gerard Wolpert, die Schwesterngemeinschaft nach eigenem Gutdünken und ungeachtet ihres ursprünglichen Zwecks „zurechtbiegen“ wollte, forderte er ihre Unabhängigkeit von den Trappisten: „Ihr seid keine Klosterfrauen, keine Chorfrauen, ihr seid Schwestern zum Helfen in der Mission. Ihr seid aber keine Mägde der Trappisten, sondern Mägde des Herrn.“ (Diktat: „Um die 11.Stunde“.1901). Sollten sie selbst jedoch etwas anderes anstreben, dann wolle er „nicht mehr ihr Gründer heißen. Denn meine Gründung ist nicht einfach Nachäfferei, sondern einmalig.“ (An Abt Obrecht. 1905) Er durfte die Gutheißung der Schwestern-Konstitutionen (1906) und ihre Selbstständigkeit (1907, wenigstens nach dem Kirchenrecht) noch erleben. 1909 starb er.
1914 brach der Erste Weltkrieg aus. Die Missionsschwestern vom Kostbaren Blut gerieten in eine Existenzkrise, verursacht durch Nachwuchsmangel und Teuerung. Die Generalprokuratorin notierte: „Unser Vermögen ist noch ein Paar Schuhe wert“ und einen Tag später: „Es ist noch einen Schuh wert“. Der Bankrott war kaum aufzuhalten, denn wer wollte schon Schwestern unterstützen, die in ihrer Heimat so gut wie unbekannt waren?
Erst 1929 gelang es Mutter Paula nach jahrelangen zähen Verhandlungen, die finanzielle Unabhängigkeit der Schwestern von Mariannhill vertraglich durchzusetzen, in den Augen mancher Schwestern vor Ort, zum Nachteil der Kongregation. Doch M. Paula verteidigte die Trennung: „Lieber arm, aber frei.“
Mariannhill selbst erlebte einen Kurswechsel, und die Schwestern fanden trotz – oder wegen? – ihrer spürbaren Armut zu ihrer ursprünglichen Zielsetzung zurück.
© Sr. Annette Buschgerd cps



Kommentare