200 Jahre Franz Wendelin Pfanner - Ein Heiliger?
- Sr. Annette Buschgerd cps
- 31. Jan.
- 6 Min. Lesezeit
Artikel Nr. 10 Februar 2026
Gott allein ist heilig, ein Mensch aber nur, insofern er an Gottes Heiligkeit Anteil hat. Das kann er durch Christus, der sich selbst „Der Weg“ genannt hat. Einen anderen Zugang gibt es nicht.
War Franz Pfanner ein Heiliger?

Anders gefragt: Woran erkennt man einen Heiligen? Da der menschgewordene Sohn Gottes der Weg zum Vater ist, muss die Antwort lauten: An seiner Christus-Ähnlichkeit. Ein heiliger Mensch ist so gesinnt wie Christus, den er so weit wie möglich nachzuahmen sucht. Nicht aus eigener Kraft, sondern mit Gottes Hilfe, d. h. der Gnade. Diese wiederum baut auf der Natur auf. Ein Mensch mag noch so reich begabt und verehrungswürdig sein, wenn er Gott nicht sucht und ihm die Ehre nicht gibt, kann er im christlichen Sinn kein Heiliger sein.
Die Kirche, als Verwalterin der Gnade Gottes auf Erden und aus langer Erfahrung klug geworden, stellt klare Bedingungen an einen Kandidaten für die Selig- bzw. Heiligsprechung. Die Erhebung Franz Pfanners in den Stand der Heiligkeit ist kirchenrechtlich nicht entschieden, nur das Verfahren ist eingeleitet als Vorstufe zur Heiligsprechung. Da er kein Märtyrer war, muss seine Lebensweise von den theologischen Tugenden – Glaube, Hoffnung und Liebe – sowie von den Kardinal- oder Haupttugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigkeit geprägt sein. Als Trappist gelten für ihn außerdem die Ordensgelübde. (Neu ist, dass seit Papst Franziskus auch Christen seliggesprochen werden können, die aus Nächstenliebe „freiwillig“ ihr Leben hingegeben haben (Motu proprioMaiorem hac dilectionem vom 11.Juni 2017).
Um das Leben Franz W. Pfanners nach Beweisen der verschiedenen Tugenden zu durchforsten, fehlt hier der Platz. Einige seiner Haupttugenden, wie Feindes- und Nächstenliebe, sind bereits in den Artikeln aufgeleuchtet. Hier soll lediglich der Blick für echte Tugend, im Unterschied zu ihrer natürlichen Variante geschärft werden. Er selbst konnte sehr wohl unterscheiden.
Franz Pfanner war kein herkömmlicher Heiliger und schon gar keine Gipsfigur oder ein Heiliger aus Porzellan, wenn überhaupt einer. Zahlreich sind seine Selbstzeugnisse. Sie lassen einen Menschen erkennen, der immer wieder mit sich ins Gericht ging und seine Schwächen schonungslos zugab. Ein guter Ansatz, dem „Heiligen“ auf die Spur zu kommen, sind Fragen, wie: Worum ging es dem Studenten? Dem Seelsorger? Dem Trappisten und Missionar? Nach welchen Kriterien traf er seine Entscheidungen? Was bezweckte er mit seinen unzähligen Unternehmungen? Was bewegte ihn zutiefst? Wir lassen ihn am besten selbst Rede und Antwort stehen. (Wenn nicht anders angegeben, sind alle Zitate seinen Lebenserinnerungen entnommen.)
„Niemand wird sagen, ich sei ein Heiliger. Ich bin auch keiner. Aber dass ich ein Liebling Gottes bin, das weiß ich gewiss.“ Nach Hebr. 12,6 heißt Liebling Gottes sein das so viel wie: „Wen Gott liebt, den züchtigt er.“ Franz Pfanner wurde zu Lebzeiten und noch nach seinem Tod „gezüchtigt“, d. h. verkannt, verleumdet, verfemt. Die Bischöfe, denen er unterstand – Vuicic in Bosnien und Ricards sowie Jolivet in Südafrika – konnten alle drei nicht mit ihm auskommen, und er nicht mit ihnen. Sie beschwerten sich über ihn bei Propaganda Fide und forderten seine Versetzung. Visitator Abt Strunk schaffte es, ihn vom Generalkapitel der Trappisten suspendieren zu lassen. Ein Jahr später wurde er abgesetzt, gründete Emaus und lebte dort noch 15 Jahre lang im Exil. Als erstes – noch vor einer Unterkunft – einen Kreuzweg und stieg ihn als erstes jeden Morgen die 130 m hoch. Den leidenden Herrn vor Augen, breitete er vor ihm seinen eigenen Kreuzweg aus und endete jede Betrachtung mit dem Wort: „Wie Jesus, so auch ich.“ Das war keine Floskel, sondern tägliche Übung. Die das aus eigener Anschauung bezeugen konnte, war Sr. Angela Michel, die ihn stützte und in deren Armen er starb.
Abt Franz wusste um seine Schwächen und gab sie unumwunden zu. „Ich habe schon vielmals nachgedacht, was hätte in solchen Umständen (seine Rechtsstreitigkeiten in Haselstauden, Bosnien u.a.) der hl. Franz von Sales getan, was der hl. Vinzenz von Paul und so viele Heilige? Hätten diese sich alles nehmen lassen, hätten sie, da man ihnen den Rock nahm, den Mantel auch noch dazugegeben? Oder wären sie gar nicht erst in Streit und Prozess gekommen? Ich will es annehmen, dass an mir die Schuld war; wäre ich ein Heiliger gewesen wie Vinzenz und Franz v. Sales, so hätte ich alles nicht so rasch gemacht.“
Ein anderes Mal kommt er auf seine Unerschrockenheit als angeborene Haltung zu sprechen. „Man hatte mich [nach seiner Priesterweihe] von Brixen in Feldkirch als einen geschildert hatte, der nicht leicht erschrickt oder davonläuft. Man möge mir diese Worte nicht als Prahlerei auslegen. Wenn ich Geschichte schreibe, muss ich doch so schreiben, wie ich selbst glaube und überzeugt bin. Ich selbst glaube aber fest, dass die Menschenfurcht mich nie stark geplagt hat, dass ich, wie man zu sagen pflegt, kein Hasenfuß bin. Das hat mir auch niemand vorgeworfen, auch keiner der Gegner, deren ich doch schon viele in meinem Leben hatte und noch habe, und vielleicht gerade deshalb habe. Und meine künftige Richtung, die ich eingeschlagen, und meine Ausdauer in Bosnien unter den schwierigsten Bedingungen und in den gefährlichsten Lagen können mich doch nicht als einen Fürchter erkennen lassen, ebenso wenig mein Schritt nach Afrika und meine Situation in Afrika. Damit will ich aber meine Unerschrockenheit oder Abgang von Menschenfurcht als gar keine Tugend hinstellen, das wäre weit gefehlt, sie als solche anzusehen. Es liegt dieses in meinem Charakter, der mir angeboren (von meinem Vater) sowie anerzogen wurde. Ich weiß auch ganz gut, dass meine Unerschrockenheit schon in Frechheit (impudence) ausartete, und auch jetzt noch oft in Derbheit umschlägt. … Man hat mir schon öfters den heiligen Franz von Sales in der Leitung von Seelen vorgehalten, aber dagegen sage ich: erstens bin ich kein heiliger Franz, und zweitens bin ich kein Franz von Sales, sondern ich bin Franz von Mariannhill, das will sagen, nicht bloß Oberer von Klosterfrauen wie er, sondern auch von Männern u. zwar von Bußmännern im Bußgewand, die man nicht mit Glace-Handschuhen anzufassen braucht, da mir die Regel sagt: Argue, increpa - “Tadle, beschnarre (schelte).” Überdies war Sales ein Franzose; der Franzose ist überhaupt feiner als der Deutsche und muss somit seine Nation feiner behandeln, als ich die meine. Der französiche Trappist sogar hört es gerne, wenn ihm sein Abt den Befehl verquickt mit einem ‘s’il vous plait’. Ich glaube aber, ein Vorgesetzter, sei er geistlich oder weltlich, darf das ‘wenn’s gefällig ist’ bei seinen Befehlen füglich weglassen, sonst würde er sich selbst lächerlich machen, wenn er einmal kräftig sagen wollte “Schweigen Sie”, oder “Halt das Maul” oder “Pack dich fort!“

Eine Selbsteinschätzung wie diese zeugt von einer klaren Unterscheidung der Geister, eine Tugend in sich. Was sie nicht sagt, ist, was bei einem Seligsprechungsprozess zählt, nämlich, was Gottes Gnade aus dieser Veranlagung gemacht hat, nämlich, ein unbeirrt beharrliches Verharren in der Gefolgschaft eines Meisters der sich auch treu blieb bis zum Tod. Der feste Vorsatz Franz Pfanners war und blieb bei aller Verkennung seiner Absichten und Person: „Ich kann, ich will, ich muss ein Heiliger werden.“ Darin zeigt sich zugleich die Kardinaltugend der christlichen Klugheit, die das Irdische nicht mit dem Ewigen verwechselt, sondern das Irdische lassen kann und nicht durch falschen Eifer Gutes zerstört, sondern es veredelt.
In diesem Sinn geht Klugheit Hand in Hand mit Gerechtigkeit, denn diese bedeutet zu allererst, jeden Menschen zu respektieren, ihm das zukommen zu lassen, was ihm zusteht und er zu einem menschenwürdigen Leben braucht, ja, ihm letztlich in Nächstenliebe zugetan zu sein. Das in Pfanners Leben aufzuzeigen braucht es keines Beispiels, denn sein Leben ist eine einzige Illustration dieser Tugend. Was hat er sich nicht alles einfallen lassen, damit Menschen in Bosnien und Afrika menschengerechter leben konnten?
Was Tapferkeit betrifft, soll nur betont werden, dass der Tapfere sich mit voller Kraft für das einsetzt, was er als gut und wahr erkannt hat und zwar auch dann, wenn es persönliche Opfer kostet und Nachteile mit sich bringt. So verstanden, wird wohl so schnell niemand an der Tapferkeit Pfanners zweifeln. Anders ist es bei der Tugend der Maßhaltung; das „gesunde Maß“ zu halten bezüglich Arbeit, Askese, Verzicht, Strenge und Eifer, dürfte zum Schwersten gehört haben, das ihm zu „heiligen“ aufgetragen war.
Letztlich sind die Kardinaltugenden Ausfaltungen des Wortes: „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe!“ (1 Kor 16, 13). Daran wird auch Franz Pfanner vom Obersten Richter beurteilt werden. Sollte er daran scheitern, wer kann dann bestehen? (Ps, 130,3)
© Sr. Annette Buschgerd cps



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