Franz (Wendelin) Pfanner - Ein Kurzportrait 1825-1909
- Sr. Annette Buschgerd cps
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Artikel Nr. 11 März 2026
Wenn es stimmt, dass eine Persönlichkeit so stark ist wie die Spannungen, die sie aushalten kann, ohne zu zerbrechen, dann ist Franz Pfanner so etwas wie ein Hochspannungsmast, ein Magnetfeld. Zu Lebzeiten wurde er verkannt; erst die Geschichte hat ihn rehabilitiert. In diesem Artikel soll versucht werden, seine natürlichen Anlagen und Fähigkeiten aufzuzeigen, denn auf diesen baute die Gnade auf und machte aus ihm den gottgefälligen Menschen, der zum Schluss dieser Serie zu Wort kommen soll. (Soweit nicht anders angegeben, sind alle Zitate den Lebenserinnerungen von Abt Franz entnommen.)
Dr. Ludwig Haitinger, ein Schulkamerad, hat den jungen Wendelin Pfanner skizziert. Er sei mittelgroß gewesen. „Blaue Augen schauten aus seinem blassen Gesicht voll Sommersprossen. Sein Haar war feuerrot (später dunkler) und glänzte in der Sonne. Es bescherte ihm manchen Verdruss, denn rothaarige Menschen galten als falsch. Doch sobald ich Wendelin näher kennenlernte, erkannte ich, dass er der offenherzigste und freimütigste, treueste und angenehmste Freund war. … Hager aber kräftig gebaut, waren seine Arme und Beine so sehnig, dass er im Zweikampf jeden Gegner spielend in Schach hielt. Seine Lunge war zwar geschwächt und sein Magen sehr empfindlich, aber an Kraft mangelte es ihm nicht; im Gegenteil, er trug sie gern zur Schau. Pfanner war starker Gefühle fähig und cholerisch veranlagt, doch, heiteren Gemüts, stand er dem Leben gelassen, ja, positiv gegenüber. Sein Äußeres wie sein Benehmen war das einen jungen Mannes, der auf Anstand und gute Sitte hielt.“
Georg A. Vonbank, ein anderer Mitschüler, erinnert sich, dass Wendel nicht nur seine Zeit diszipliniert nutzte, sondern sich auch in Gesellschaft so gab. Von den Baronen und Grafen unter den Kommilitonen habe er nichts gehalten, für seinesgleichen aber stets ein gutes Wort gehabt. „Er redete nicht viel und hatte wenige Freunde, denen er sich wiederum nur im Ernstfall anvertraute, ein Zeichen starker geistiger Energie. … Komplimente-Machen lag schon dem Studenten nicht, viel weniger jedoch dem Abt. … In den sechs Jahren, die ich in seiner nächsten Nähe verbrachte, habe ich nie ein Kompliment von ihm gehört, und ich glaube, es würde sich aus seinem Mund auch nicht gut angehört haben. Das Gegenteil hörte ich dagegen öfter.”
Haitinger beschreibt sodann Wendelins intellektuelle Fähigkeiten. Er sei kein Idealist gewesen, sondern Realist, dem alles Phantasieren und Wunschdenken fern lag. „Sein Geist zeichnete sich aus durch nüchternes, logisches Denken; Mathematik und Naturwissenschaften waren seine Lieblingsfächer.“
Möglich ist, dass schon der Bub von der Bremenhub die von Alois Negrelli (Architekt des Suezkanals) 1834 überdachte Brücke im Bregenzerwald, die heute noch als Meisterwerk der Technik und des Zimmermannshandwerks gilt, bestaunt hat. Jedenfalls war er, wie er noch mit 78 Jahren an Haitinger schrieb, „mit Haut und Haaren für technischen Fortschritt.“ Und: „unter allen humanistischen Disziplinen gefiel mir nur die Mathematik. Sporttreiben war mir wichtiger als Studieren.“ Später kam er begeistert von den Weltausstellungen in London und Frankfurt zurück, nutze jeden Wasserfall auf Mariannhiller Grund und förderte wie kein anderer die technische Begabung eines Br. Nivard Streichers, bekannter Mariannhiller Architekt und Bauingenieur. Wahrscheinlich hätten die Gründungen Franz Pfanners ohne dieses ausgeprägte Interesse für Technik jenen wirtschaftlichen Aufschwung nicht genommen, für den viele Zeitgenossen ihn lobten, seine Obern jedoch tadelten.
Was sein „cholerisches Temperament“ betrifft, so bekam Bischof Jolivet gleich beim Antrittsbesuch des Priors (18.12.1882) eine erste Kostprobe davon, als er sich weigerte, seine Trappisten in der St. Michael Mission anzusiedeln, wie es der Bisvhof wünschte, auf den Tisch schlug und laut rief: „Una stultitia facta est, non alia!” [„Eine Dummheit ist gemacht, keine zweite,“ in Anspielung auf die missglückte Dunbrody Expedition) Warum? St. Michael lag zu weit vom Hafen entfernt und hatte weder Straßen- noch Bahnverbindung, was für den Transport aber auch für Neuankömmlinge ungünstig war.

Was seine ans Verwegene grenzende Vorgehensweise betraf, kannte Franz Pfanner sich nur zu gur. „Ich sehe wohl ein. dass mir der liebe Gott eine etwas größere Dosis Unerschrockenheit eingeschenkt hat als manch andern. Es hatte von jeher einen eigenen Reiz für mich, gerade das zu tun, wovor andere zurückschreckten.“ Mehr als kühn war die Art, wie er den muslimischen Behörden in Bosnien immer wieder ein Schnippchen schlug, Glocken nach Maria Stern schmuggelte, bedingungslos in die Offensive zum Pascha ging und seine Rechte selbst gegen die 400-jährige Vorrangstellung der Franziskaner geltend machte. „In der Türkei ... hat mir persönlicher Mut, Unerschrockenheit und Selbstvertrauen über viele Schwierigkeiten hinweggeholfen.“ In der Auseinandersetzung um die großen Themen seiner Zeit, wie Die Soziale Frage, Buren, Sklavenhandel hielt er mit seiner Meinung nicht hinterm Berg. Obwohl der allgemeinen Einstellung gegenüber Farbigen als entwicklungsbedürftigen Menschen verhaftet, nützte er die Menschen aus, sondern tat alles, um ihnen den Anschluss an die Welt zu erleichtern, überzeugt, dass „viel Gutes an ihnen steckt“ („Der Stolze Zulu“).
Currite ut comprehendatis – Lauft, dass ihr es erreicht (1 Kor 9,24) – war sein Wahlspruch. So war er auch entsprechend sprungbereit, Neuland zu erobern, ohne auf Langsame zu warten. “Ich wollte Alles rasch haben, das 2. Kloster (Maria Annaberg in Bosnien) sollte vor dem ersten fertig sein. … Ich war damals so feurig, dass ich, wenn ich die Wahl gehabt hätte, die Welt zu erschaffen, sie in einem Tag gemacht und nicht 7 Tage gewartet hätte, weshalb ich mit dem lieben Herrgott selbst in Kollision geraten wäre. Jetzt (1888) hat sich freilich mein rasches Temperament gelegt; indessen ist aber der Dampf in der Welt mächtig geworden, man fährt mit Dampf, man arbeitet mit Dampf, man spricht mehr als mit Dampf; warum soll man nicht auch Klöster bauen mit Dampf, Mission treiben mit Dampf? Ja ich meine, jetzt ist die Zeit da, wo man mit Dampf denken und mit Dampf sogar schlafen sollte.“
Dementsprechend vielfältig war die Werbetätigkeit des Gründers. Als Prior von Mariastern und später von Dunbrody konnte man ihn zuweilen in ganz Deutschland und darüber hinaus antreffen. Es war nicht ungewöhnlich, dass er an einem Tag vier Vorträge an vier verschiedenen Orten und jeweils vor einem anderen Publikum hielt. Bei der Überfahrt nach Afrika erklärte er seinen Mitpassagieren auf der ARAB: „Ich bin kein Moltke, der mit Kriegslist die Franzosen fing; kein Potentat, der über Bajonette verfügen kann. Ich bin nichts Gelehrtes, ich habe nur meine Fachstudien gemacht. Ich habe keine Beredsamkeit, ich rede ja höchst einfach, Ich habe auch nichts Einnehmendes an mir, mein roter Bart und mein rauer Habit sind vielmehr abstoßend. Und doch habe ich so viel Volk angeworben und an mich gezogen.“ (29. 7. 1883) Ähnlich schrieb er an Haitinger: „Du weißt es am allerbesten, dass ich gar nichts Faszinierendes an mir habe“ (6.6.1904). Wo er selbst nicht hinkam, dahin schickte er seine Sammelbrüder, gründete eine eigene Presse, richtete Vertretungen ein und unterhielt regen Briefkontakt mit Missionsfreunden. Er ruhte sich auf seinen Lorbeeren nicht aus.
„Schnell wie der Blitz, das ist der Witz“ war auch seine Parole, wenn es darum ging, bei einer Auktion den sich schnell ausbreitenden Sekten in Südafrika Land wegzuschnappen. Das war nicht übereilt, aber dass er neuangefangene Missionen mit Brüdern und Schwestern besetzte, ehe er einen Priester für sie hatte, war es umso mehr. In vielen Dingen war er schlicht zu ungeduldig. So wünscht man sich, er hätte seine Entscheidungen nicht so erzwungen, ehe eine Sache reif war! Doch Geduld und Umsicht waren nicht seine Stärke. Er kannte seine Kritiker. Darum ist seine Bitte an Sr, Paula ironisch zu verstehen: „Es wäre für mich ein großer Trost, wenn Sie mir alle die Schimpftitel und Schandnamen mitteilen würden, die Sie dort (in Holland) über mich hören müssen. Einige weiß ich schon: z. B. eigensinnig, hartköpfig, arrogant, zum 2. Mal kindisch, verrückt, ein Mann, der europäische Zustände nicht kennt usw.“ (29. 3. 1905) Und an Abt Obrecht: „Dorten (in Rome) gilt der P. Franz ja als halb verrückt oder wenigstens als überspannter Kopf.“ (2.12.1905)

Manchmal hat man den Eindruck, als ließe es ihn kalt, was andere von ihm sagten. Wie damals in Haselstauden, als die Anhänger seines abgesetzten aber beliebten Vorgängers sich an ihm rächten, seine Nachtruhe störten und seine Haustür mit Unrat bewarfen. Er ließ sie toben, wie auch 1862 die aufständischen Studenten auf dem Ban-Jelačić-Platz in Agram und ging seinen Weg. Andererseits wundert man sich, dass der Verbannte in Emmaus glaubt, sich ständig verteidigen zu müssen, bis man liest: „Ich hatte rote Haare“ oder „Mein Vater war eine starke Kraft in meinem Leben. Ich wollte niemandem untergeordnet sein,“ und merkt, dass seine Kindheit ihn eingeholt hatte.
Manche Missverständnisse und Fehlinterpretationen seines Handelns hat Abt Franz selbst klargestellt, z. B. warum er Dunbrody aufgab, oder warum seine Neugründungen nicht dem Mutterkloster Mariawald unterstellt wurden, wie es hätte sein sollen. Andere ließ er auf sich beruhen: „Ich kann schon warten bis zum Jüngsten Tag“. In seinen „Lebenserinnerungen“ steht er natürlich im Mittelpunkt und wirkt eher selbstgefällig. Man vermisst die selbstkritische Bescheidenheit, die Menschen in vorgesetzter Stellung so liebenswert macht. …
Nichtsdestoweniger war Franz W. Pfanner eine bedeutende Persönlichkeit. Die Tiefen und Höhen seines erstaunlichen Lebens verblüffen, doch in Frage gestellt haben auch seine Neider und Gegner seine natürlichen Gaben nie noch die vielfältigen Unternehmungen, für die er sie nutzte.
© Sr. Annette Buschgerd cps



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